Offenbach.

Frau Busch, Sie sind derzeit an vielen Haustüren unterwegs, machen Infostände, besuchen Veranstaltungen. Spüren Sie eine Wechselstimmung oder ist da nicht nur der Wunsch Vater des Gedankens?Ich will erstmal sagen, dass mir besonders die Haustürbesuche sehr viel Spaß machen. Es beeindruckt mich, wie aufgeschlossen viele Bürger sind. Wir werden oft hereingebeten. Kürzlich saß ich bei einer älteren Frau am Tisch, sie erzählte mir, dass ihre Kinder weggezogen seien und die Einsamkeit manchmal komme. Das ist mir unter die Haut gegangen. Ich habe aber auch eine junge Frau erlebt, die sich einfach über meinen Besuch und über meine persönliche Vorstellung gefreut hat. Das ist mir am wichtigsten in diesem Wahlkampf: Die Leute sollen merken, dass ich mich für sie einsetzen möchte. Zum Wohl aller Ortsgemeinden. Ich finde, ein Bürgermeister sollte dienen – nicht umgekehrt. Was ich in vielen Gespräche spüre, ich würde sagen in 90 Prozent der Fälle, ist eine Unzufriedenheit darüber, wie es in der Verbandsgemeinde insgesamt läuft. Besonders in den kleinen Orten höre ich häufig, dass die Leute sich abgehängt fühlen. Überrascht hat mich, dass auch in der Ortsgemeinde Offenbach die Unzufriedenheit ähnlich groß ist. Da heißt es dann oft, dass es nach 16 Jahren an der Zeit für einen Wechsel wäre.
Sie haben immer wieder betont, dass Sie eine Personalunion ausschließen. Sie begründen diese Aussage damit, dass Sie die Ortsgemeinden gleich behandeln wollen. Ist das derzeit nicht der Fall?Ich habe mich gefragt, ob es in einer Personalunion möglich ist, neutral zu sein. Meine Antwort lautet: nein. Interessenkonflikte sind vorprogrammiert, das sieht man anhand des Einzelhandelskonzepts, das sehr zugunsten Offenbachs ausgefallen ist. Das Problem an der Personalunion wäre nicht nur, dass ich gleichzeitig der Verbandsgemeinde und der Ortsgemeinde dienen müsste, sondern auch der Zeitmangel. Die Orte sind mit den Jahren immer mehr gewachsen, die Themen komplexer geworden. Da reicht keine Bürgersprechstunde alle paar Wochen. Um das klar zu sagen: Offenbach ist eine tolle Gemeinde, ich komme aus dem Ort. Mir geht es nur darum, für einen Ausgleich zu sorgen, weil mir die Gemeinschaft der Ortsgemeinden wichtig ist.

Sie betreiben nicht nur im Nebenerwerb einen landwirtschaftlichen Betrieb, sondern sind auch als Hauswirtschaftsmeisterin in einer Kita angestellt. Ist die Verbandsgemeinde kinderfreundlich?Auf jeden Fall. Wir sind gut aufgestellt – auch mit Ganztagsplätzen in den Kitas. Trotzdem müssen wir auf Entwicklungen reagieren. Es werden künftig nicht nur mehr solcher Plätze gebraucht werden, wir müssen auch die Betreuungszeiten verlängern, weil die Menschen immer länger arbeiten. Bei meinen Haustürbesuchen haben mich mehrere Eltern auf ihre Probleme hingewiesen. Viele haben die Situation, dass ein Kind zur Schule geht, das andere in den Kindergarten muss. Die Kita öffnet um 7 Uhr, die Schule beginnt um 8 Uhr, die Leute müssen aber selbst um 8 Uhr arbeiten. Viele würden sich deshalb wünschen, dass die Schulkinder vor Unterrichtsbeginn betreut werden. Das ist nur ein Beispiel. Ich glaube, wir müssen da viele neue Formen finden.Im Wahlkampf setzen Sie intensiv auf das Thema Senioren. Sie treibt besonders um, dass immer mehr ältere Menschen vereinsamen. Wie wollen Sie etwas an dieser Situation ändern?Ein tolles Beispiel sind die Naturfreunde in Hochstadt, die für Senioren ein gemeinsames Mittagessen anbieten. Vielleicht sollten wir auch darüber nachdenken, ob solche Essen kostengünstig auch in Kooperation mit den Grundschulen organisiert werden könnten. Senioren, die noch fit sind, könnten anschießend den Kindern bei den Hausaufgaben helfen. Mir geht es einfach darum, gemeinsam mit den Vereinen und Bürgern auf Ideensuche zu gehen, um Vereinsamung vorzubeugen. Da gibt es aber keine Patentrezepte.

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Sie haben bereits das Einzelhandelskonzept angesprochen. Einige fürchten, dass dessen Umsetzung etwa den Bau eines Supermarktes in Essingen verhindern würde. Bürgermeister Axel Wassyl hat nun betont, dass das nicht stimme. Dann ist doch alles in Butter, oder?Das finde ich nicht. Der Verbandsgemeinderat hat den ersten und zweiten Entwurf parteiübergreifend abgelehnt, der dritte wurde jetzt von der Tagesordnung genommen. Wenn man im stillen Kämmerlein zusammensitzt und ein Konzept ausarbeitet, ohne die Ortsgemeinden mit einzubeziehen, ist dieses Ergebnis kein Wunder. Das hat für mich nichts mit Gleichberechtigung zu tun. In Essingen fehlt ein Supermarkt, dass diese Option überhaupt diskutiert wird, ist schon mal gut. Aber schauen wir nach Bornheim ins Hornbach-Zentrum. Wenn es nach dem Einzelhandelskonzept ginge, dürften dort Geschäfte nur noch im Bestand erweitert werden. Heißt: Wenn ein Markt sich nur um einen Quadratmeter vergrößern wollte, würde das nicht gehen. Das kann nicht sein. Bestandsschutz ist Stillstand, deshalb können sich die anderen Ortsgemeinden nicht weiterentwickeln.

Im Rathaus wollen Sie nach der Devise „Handeln statt Stillstand“ verfahren, so steht es in Ihrem Wahlprogramm. Zudem treten Sie für eine Kultur des gegenseitigen Respekts, der Wertschätzung und Achtsamkeit ein. Es klingt so, als würden beide Bereiche derzeit nicht diesen Koordinaten folgen.Das ist mein persönlicher Eindruck, der mir in vielen Gesprächen immer wieder bestätigt wurde. Wenn ich Bürgermeisterin werden sollte, will ich nicht von oben nach unten regieren. Mir geht es darum, dass sich die Mitarbeiter im Rathaus wertgeschätzt fühlen. Die Leute haben Erfahrung, sie wissen, was in der Verwaltung läuft. Davon kann und will ich profitieren. Und das geht nur mit Vertrauen und Respekt. Ich sehe mich als Dirigent eines Orchesters, der die Leute an den Tisch bringt und schaut, dass die einzelnen Instrumente der Verwaltung so spielen, dass sie im Gleichklang anschließend das Beste für die Verbandsgemeinde herausholen.

Sie setzen auf Ihre Kompetenzen als Unternehmerin, haben aber keine Verwaltungsausbildung. Ist das ein Nachteil?Ich sehe das nicht so. Der Gesetzgeber hat das Amt bewusst geöffnet, um auch Menschen mit anderen Sichtweisen in die Rathäuser zu bringen. Natürlich muss ich mir Verwaltungsabläufe aneignen und mich fortbilden, aber da werde ich reinwachsen– auch mithilfe meiner Mitarbeiter. Gerade weil ich nicht aus der Verwaltung komme, kann ich Themen unvoreingenommen angehen. Das ist ein Vorteil.

Was ist Ihr größtes politisches Anliegen für die nächsten acht Jahre, wenn Sie am kommenden Sonntag gewählt werden sollten? Ich stehe für eine Politik der Bürgernähe, die die Interessen der Menschen vertritt, und nicht die der Politiker. Bürger müssen mehr informiert werden und ein Mitspracherecht haben. Mir geht es aber vor allem darum, eine Vorstellung davon zu erarbeiten, wie sich die Verbandsgemeinde entwickeln soll.

Mit welchem Ergebnis rechnen Sie bei der Wahl?Es wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Hundertprozentig.

Interview: Andreas Schlick

 

Quelle

Ausgabe Die Rheinpfalz Pfälzer Tageblatt - Nr. 50